Schule 3

An Berufsschulen gibt es Berufsintegrationsklassen für Flüchtlinge, die vor allem der Sprachförderung dienen sollen. Die ersten beiden Präsentationen vor mehreren Klassen waren ein Erfolg und verliefen ohne Zwischenfälle. Es kamen aus mehreren Klassen etwa 70 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, vereinzelt aus Eritrea und anderen Ländern. Es gab zwar hin und wieder laute Kommentare oder gedämpfte Unterhaltungen, die jedoch von den begleitenden Lehrern der Flüchtlingsklassen und mir beendet werden konnten. Die Hinweise zwischendurch, ruhig zu sein, erübrigten sich bei den Bildern vom zerbombten Deutschland, da war ein Interesse und Erstaunen zu spüren. Zum dritten Vortrag kamen jedoch mehrere Klassen, welche bei den ersten Präsentationen nicht anwesend waren. Der Raum war brechend voll, es waren mehr als etwa 75 Schüler aus fremden Klassen und nur drei Lehrerinnen anwesend. Der Beginn verzögerte sich um fast eine Viertelstunde, weil irgendetwas Organisatorisches mit der Raum- und Klassenzuteilung mit dem Rektor geklärt werden musste und Stühle fehlten. In dieser Zeit verursachten die Flüchtlinge einen derartigen Lärm, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Mehrere Ermahnungen von Seiten der Lehrerinnen bewirkten kaum eine Lärmminderung, und auch ein lautstarker Brüller des Rektors: "Ruhe, man kann sein eigenes Wort nicht verstehen!" sorgte nur kurzzeitig für einen etwas leiseren Ton.

Mein Vortrag wurde dann im Gegensatz zu den ersten Präsentationen öfter durch laute Bemerkungen auf den hinteren Plätzen und einsetzende Unterhaltungen über Tische hinweg gestört. So sagte zum Beispiel ein Flüchtling, der bereits vorher gemeint hatte, ihm sei langweilig, laut etwas, das meine Frau als "so eine Scheiße" verstanden hatte. Ich fragte ihn, was er zu bemerken hatte, er antwortete "nichts", um anschließend etwas auf arabisch laut zu sagen, woraufhin einige lachten. Da offensichtlich ist, dass wir dies unmöglich finden, behauptete ein anderer Flüchtling, er hätte gesagt, Deutschland sei schön. Nur zur Erinnerung: Bei den Flüchtlingen handelt es sich nicht um 14 oder 18jährige Schüler, sondern um Erwachsene, in diesem Fall um mindestens 25 bis 30jährige.

Ich hielt mehrmals inne und bemerkte schließlich in der entstandenen vorläufigen Ruhe, dass ich von ihnen, den Flüchtlingen, die hier in Deutschland aufgenommen und mit allem notwendigen versorgt wurden, doch schon aus Respekt erwarte, dass sie zumindest ruhig bleiben und wenn möglich auch zuhören. Dieser Hinweis war bisher (und auch später) nicht notwendig.

Die Haltung zu bestimmten Bereichen und das zugrunde liegende Wertesystem, welches ein Großteil der Flüchtlinge mitbringen, weicht doch sehr von unserem ab. Dies zeigte sich unter anderem bei der Präsentation der in Deutschland üblichen Badebekleidung. Zum besseren Verständnis zeigte ich zunächst die fast Burkini-ähnliche Bedeckung des ganzen Körpers bei Frauen und Männern um 1900 in Deutschland, dann die immer freizügiger werdende Bademode um 1930, 1955 und schließlich die heutigen knappen Bikinis. Neben Grinsen und Kichern wie bei Pubertierenden kam von einem Flüchtling der scharfe Kommentar: "Die deutschen Frauen sind schamlos!" Mein Hinweis auf diese offensichtlich herabsetzende Aussage, dass dies unsere heutige Vorstellung von Freizügigkeit und persönlicher Freiheit sei, wurde dem Anschein nach nicht verstanden.

Als ich das im Koran enthaltene Verbot einer Heirat zwischen einer Muslimin und einem Christen, Juden oder Atheisten (siehe Wikipedia, Sure 60:10 und 2:221) vorstellte, gab es große Zustimmung bei den Flüchtlingen. Ich stellte klar, dass wenn die Muslimin einen Andersgläubigen oder Atheisten heiraten möchte, ihr dies hier freistehe. In Deutschland gilt das Grundgesetz, es steht über dem Koran. Dann meinte doch tatsächlich eine Sozialkundelehrerin, es gäbe auch christliche Familien in Deutschland, welche die Heirat mit einem Muslim ablehnen. Ich stellte dann fest, dass die beiden Dinge nicht vergleichbar seien: Die Ablehnung in einer christlichen Familie sei privat von Einzelnen, weder die Bibel noch die christliche Gemeinde kenne ein derartiges Heiratsverbot oder befürworte es sogar. Bei den Muslimen wird das Verbot jedoch vom Koran verlangt und von der Gemeinschaft der Muslime, der Umma, für selbstverständlich erachtet. Auch ist der soziale Druck, dem sich eine Muslimin aussetzt, nicht mit dem in einer christlichen Familie vergleichbar.

Zur offenen Ablehnung kam es, als ich unsere Vorstellung von Toleranz sowie dem Ertragen künstlerischer Freiheit und Kritik behandelte. Als Beispiele zeigte ich zunächst eine Karikatur vom Abendmahl (ein Cartoon des Zeichners Mark Godfrey), auf der ein Jünger hinter Jesus` Kopf zwei gespreizte Finger als "Hörnchen" zeigte. Dazu gab es vereinzelt zwar Gelächter, aber keine Kritik. Zum Vergleich stellte ich daneben die bekannte Karikatur von Mohammed mit einer kleinen Zündschnur am Turban, die 2006 Kurt Westergaard veröffentlichte. Ein Flüchtling fragte nach, wer das denn sei, als ich antwortete Mohammed, verlässt der Flüchtling, der bereits gesagt hatte, es sei langweilig und „Deutschland sei schön“ sowie die beleidigende Aussage "Die deutschen Frauen sind schamlos" gemacht hatte, den Klassenraum, etwa 20 der 70 Flüchtlinge folgen ihm zögernd. Dies war bei keiner der vorangegangenen und späteren Präsentation der Folie vorgekommen. Die beiden Beispiele sollten verdeutlichen, was z.B. Christen und Muslime an Darstellungen in Karikaturen in der Öffentlichkeit aushalten müssen. Ich wies bei der Präsentation explizit darauf hin, dass natürlich solche Karikaturen nicht nur für Christen, Muslime und andere Gläubige sondern auch für nicht religiöse Menschen geschmacklos, beleidigend, und oft widerlich sein können. Doch gemäß unserem freiheitlichen Grundgesetz sind sie zu ertragen, auch dies gehört zu unserer Toleranz.

Nach dieser Präsentation kam der Rektor wieder in den Klassenraum und entschuldigte sich für die Lautstärke und Unruhe zu Beginn. Es gab anschließend eine Nachbesprechung mit der Sozialkundelehrerin sowie einer weiteren Lehrerin und einem Lehrer. Der Vortrag sei gut gewesen, aber falsch verstanden worden als Angriff auf die Muslime. Es sei den Flüchtlingen zu viel zugemutet worden, sie seien junge Menschen, erst zwei Jahre in Deutschland, teilweise ohne Familie. Ich weise darauf hin, dass ich nur die elementarsten Werte unseres Grundgesetzes vorgestellt habe, wie das Beispiel von künstlerischer Freiheit und der Meinungsfreiheit bei den Karikaturen. Man muss m.E. den Flüchtlingen ganz klar sagen, was sie im Gegensatz zu einem muslimisch geprägten Land hier zu ertragen haben, sie müssen es ja genauso wie ich nicht unbedingt gut finden. Und nach 2 (!) Jahren in Deutschland sollten sie dies auch akzeptieren können. Die Sozialkundelehrerin entgegnete nur, dies sei „hart“. Die Lehrer meinten weiterhin, dies solle in den folgenden Unterrichtsstunden bei ihnen bearbeitet werden. Ich erklärte mich bereit, noch einmal zu kommen und daran mitzuwirken. Es erfolgte jedoch keinerlei Einladung dazu.

Zum letzten Vortrag, der sich mit Bildung, Ausbildung, Berufen sowie der Sicht aus dem Ausland auf Deutschland und die Deutschen befasste, kamen nur noch etwa 45 Flüchtlinge, wobei nur die Hälfte die vorangegangenen drei Präsentationen gesehen hatte und die anderen nicht. Ein Interesse an dem komplizierten deutschen Schulsystem war zwar vorhanden, doch als ich die Zeitdauer des Schulbesuchs für die einzelnen Schulzweige und des Studiums angab, sank die Begeisterung etwas. Da ich über den sog. Zweiten Bildungsweg zu Abitur, Studium und Promotion kam, hatte ich zuvor eine Lehre absolviert. Die Anforderungen an Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Ausdauer in einem Betrieb wurden von den Flüchtlingen nicht so recht ernst genommen, obwohl ich sie mit der Präsentation von Ausschnitten aus meinen Berichtsheften sowie dem Aufzeigen meiner damaligen täglichen zeitlichen Belastung verdeutlichen konnte. Interessant war der Hinweis einer Lehrerin, die selbst vor vielen Jahren nach Deutschland kam: „Habt ihr die Note (von mir) für den Bericht im ersten Berichtsheft gesehen: eine 3. Was wäre dies hier bei uns für eine Note? Eine 1 oder 1+ , da seht ihr die Anforderungen!“. Ich hatte bei den ersten Berichten noch in Druckschrift von Hand geschrieben und mit Bleistift gezeichnet. Ich zeigte im weiteren Verlauf, wie ich mich verbessert habe sowohl inhaltlich als auch durch Schreiben mit einer Schablone (etwas mühselig nach heutige Maßstäben) und ordentlichen technischen Zeichnungen mit Tusche.

Auf einer späteren Folie war das Ergebnis einer Befragung von Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund zu sehen. Dabei sahen fast 2/3 sowohl der Deutschen mit als auch derjenigen ohne Migrationshintergrund den Erfolg einer Integration der jetzigen Flüchtlinge sehr skeptisch oder skeptisch. Die gleiche Lehrerin, die sich vor vielen Jahren ohne Hilfe integriert hatte, sagte dann zu den Flüchtlingen: „Was meint ihr, weshalb selbst 60% derjenigen, die selbst damals in Deutschland eingewandert sind, den Integrationserfolg von euch skeptisch beurteilen? Sie wissen, wie schwer es war und dass man sich sehr anstrengen muss und sich auch integrieren will!“ Das Ende dieses Vortrags war auch das Ende der Präsentationen an dieser Berufsschule. Es erfolgte keine Verabschiedung und Dank, weder von Seiten des Rektors oder den anderen Lehrern.