Schule 1

Die Unternehmensgruppe mit Standorten in mehreren Städten bietet Privat- und Firmenkunden Unterstützung während der Ausbildung an, außerdem Umschulungen, Coachings, Weiterbildungen in verschiedenen Bereichen sowie Fortbildungen und Qualifizierungen. Für Flüchtlinge wurden Sprachkurse und Ausbildungsförderung als neue Geschäftsbereiche aufgenommen. Über eine Helferin, die früher Lehrerin war und die Schulleiterin kannte, wurde der Kontakt hergestellt. Nach einem Anruf am 12. Dezember 2016 bei der Schulleiterin wurden ad hoc die Termine der vier Präsentationen vereinbart.

Im Gegensatz zu allen anderen von uns besuchten Einrichtungen war dieses Unternehmen das einzige, das keinerlei Technik für die Präsentation bereitstellte. Dies bedeutete, dass ich Laptop, Beamer, eine Leinwand (wie man sie früher bei Dia-Vorträgen aufstellte) sowie Verlängerungs- und Verteilerkabel mitbringen musste.

Als ich mit meiner Frau zum ersten Vortrag am 19. Januar 2017 bei der Firma eintraf, war nichts vorbereitet. Im Sekretariat wurde der oder die Verantwortliche für die Flüchtlingsklasse gesucht, während man uns schon mal in den Klassenraum schickte. Im Vorraum waren einige Flüchtlinge anwesend, die kaum Notiz von uns nahmen. Wir waren wie bei allen Präsentationen an einem neuen Ort mehr als eine Viertelstunde vor Beginn im Vorführraum um sicherzustellen, dass von der Technik her alles klappt. Also bauten wir Laptop und Beamer auf, fanden eine Steckdose für die Verlängerungsschnur, verkabelten alles und entrollten die Leinwand am Ständer. Dann kam 5 Minuten vor Beginn eine junge Frau, von der wir zunächst annahmen, es sei die Lehrerin der Klasse. Es stellte sich später heraus, dass es die Psychologin war, welche die Flüchtlinge begleitend betreute.

Die Klasse umfasste nach ihren Angaben 23 Flüchtlinge, von denen meist nur etwa 15 anwesend waren. Der Rest war beim Arzt, auf Ämtern, beim Einkaufen, in Einzelgesprächen, krank oder fehlte ganz einfach. Da die Klasse fast nur aus Syrern und Afghanen bestand, sollte ich die Vorträge auf deutsch, englisch (für die Afghanen, eine Übersetzung in Farsi lag nicht vor) und arabisch halten. Es stellte sich jedoch heraus, dass keiner der Afghanen genug englisch verstand bzw. teilweise keine Afghanen kamen, daher hielt ich die nach den anfänglichen Folien der ersten Präsentation die Vorträge auf deutsch und zeigte die gleichen Folien mit arabischem Text. Zu Beginn ließ ich den arabischen Text von einem Syrer vorlesen (damit ich wusste, wann der Text gelesen war), doch das half wenig für das Verständnis und es wollte keiner mehr so recht vorlesen.

Nach der ersten halben Stunde waren 9 Syrer eingetroffen, die sich angeregt unterhielten oder sich mit ihrem Smartphone beschäftigten. Die betreuende Psychologin überlies es mir, die Klasse anzusprechen und mit der Präsentation zu beginnen. Ich stellte mich also vor die Klasse, um die Einführung zu geben (danach setzte ich mich zur Präsentation an einen Tisch vor meinen Laptop, wo auch der Beamer stand). Beim Blick auf die Klasse musste ich feststellen, dass zwei Schüler hinter einer Säule saßen, sodass weder ich sie sehen konnte noch sie mich bzw. auch die Leinwand sehen konnten. Ich forderte also die beiden auf, sich eine oder zwei Reihen nach vorne zu setzen, freie Plätze waren genug vorhanden. Sie lehnten es ab und reagierten nicht, nachdem ich darauf drängte kam immerhin einer der beiden vor. Die Psychologin kritisierte mich vor der Klasse, ich hätte besser meine Forderung begründen bzw. ausdiskutieren müssen. Später wurde klar, weshalb der eine Flüchtling auf seinem verdeckten Platz hinter der Säule bestand. Er legte den Kopf in seine Arme auf den Tisch und schlief. Als ich dies während der Präsentation bemerkte und die Psychologin darauf aufmerksam machte, reagierte sie nicht. Erst am Ende der Präsentation weckte sie ihn auf und meinte zu ihm: „Ach du Armer, hast du es wieder nicht geschafft“. Dies erweckte bei uns den Eindruck, als ob dies öfter vorkam, ohne dass es irgendwelche Konsequenzen nach sich gezogen hätte.

Während den Präsentationen war öfter ein Kommen und Gehen, mal mussten Flüchtlinge zum Arzt oder zu einem Amt, mal kamen welche wieder zurück oder trafen verspätet ein (wohlgemerkt, die Anwesenheit der Flüchtlinge war nicht freiwillig, sondern die Vorträge fanden während der regulären Schulzeit statt). Es kam einmal plötzlich jemand herein, der offensichtlich nicht zu den Flüchtlingen gehörte, und fing an, sich mit einem Flüchtling zu unterhalten. Als ich daraufhin meinen Vortrag unterbrach und ihn fragend ansah, meinte er, ach ja, er habe sich nicht vorgestellt, er führe hier Beratungsgespräche. Dann ging er mit dem Flüchtling hinaus.

Bevor ich mit den Präsentationen anfangen konnte, musste ich warten, bis die Psychologin mit einer Liste zu den einzelnen Flüchtlingen ging, sich kurz mit ihnen besprach und den Namen abhakte. Einmal bekamen wir mit, wie sie einen Schüler darauf hinwies, dass er gestern ohne die notwendige Entschuldigung gefehlt habe. Er meinte jedoch, er habe eine Entschuldigung abgegeben. Die Psychologin entgegnete, es sei aber nichts davon vermerkt. Da der Flüchtling darauf beharrte, er habe eine Entschuldigung abgegeben, meinte sie, na gut, dann hake ich es hier ab. Es erfolgte keine Nachfrage, wann der Flüchtling wem die Entschuldigung abgegeben habe und was für einen Begründung sie enthielt.

Insgesamt waren die Präsentationen geprägt durch viele Unterbrechungen und Ablenkungen. Von den offiziellen 23 Flüchtlingen kamen zum ersten Termin 9 Syrer, zum zweiten 8 Syrer, zum dritten 4 bis 5 Syrer und ein Afghane, und zum vierten Termin 3 Syrer und 2 Afghanen sowie der eine schlafende Flüchtling. Die Schüler wechselten von Vortrag zu Vortrag, meistens zeigten nur zwei bis drei Flüchtlinge ein echtes Interesse. Als wir beispielsweise zur dritten Präsentation zum Parkplatz fuhren, sahen wir einen der Syrer an der Bushaltestelle auf den Bus warten. Sprachkenntnisse der Flüchtlinge waren für Deutsch oder Englisch kaum vorhanden, es tauchte immer mal einer auf, der uns einigermaßen verstand. Es fehlte vor allem an Disziplin und Ausdauer, wozu sie auch nicht angehalten wurden.

Im Zusammenhang mit dem Thema Steuern und Sozialbeiträge, welche von Bruttolohn abgezogen werden, bemerkte ein Flüchtling: Er bekomme so geringen Lohn, er könne kein Pausenbrot für seine Tochter besorgen. Wir erfuhren dann allerdings, dass er Geld für seine Zigaretten hatte. Außerdem wurde von Seiten der Flüchtlinge festgestellt, dass die Mieten in der Stadt so hoch seien, wie solle man dies von dem niedrigen Einkommen bezahlen. Mein Hinweis, dass man dann entweder im Umland eine Wohnung suchen müsse oder dass die Ehefrau mitarbeiten müsste, so wie dies 2012 bei etwa der Hälfte der Mütter mit Kindern unter 3 Jahren und bei 80 % mit Kindern unter 15 Jahren der Fall war. Dies wurde ungläubig und mit Ablehnung aufgenommen.

Bei der Behandlung unserer Werte, wie Ertragen von Kritik (auch an der Religion) oder der Homosexualität, kam eine Diskussion auf, in deren Verlauf die Flüchtlinge ähnlich wie bei anderen Klassen oder Helferkreisen die liberale und tolerante Haltung in Deutschland kritisierten. Einer wollte beispielsweise anhand seiner Vorstellung von der Evolution des Menschen nachweisen, dass Homosexualität unnatürlich sei.