KOMMENTARE UND FRAGEN ZUM VORTRAG

Während des Kontakts mit Helferkreisen, Lehrern und Flüchtlingen sind meiner Frau und mir einige Dinge aufgefallen, die im Folgenden kurz aufgeführt werden:

• Die Anzahl bzw. der Anteil der Muslime an der Bevölkerung in Deutschland wurde oft überschätzt, es seien bestimmt mehr als 20 % wurde behauptet. Es sind aber (bis jetzt) nur etwa 5 %. Dies wurde vehement in Zweifel gezogen.

• Die Zeiten für ein Studium oder eine Ausbildung in Deutschland wurden von den Flüchtlingen als sehr lang angesehen und wir hatten den Eindruck, sie hielten dies für unzumutbar.

• Die Flüchtlinge erwarten eine immer weitergehende Versorgung. Es wurde in teils aggressivem Ton nach einer Wohnung verlangt (Wo ist meine Wohnung/Haus?). Eine Helferin wurde früh morgens aus dem Bett geklingelt, ein Flüchtling wollte zu einem 50 km entfernten Outlet Center gefahren werden. Als sie fragte, wieso, antwortete er, dass er dort ein Sofa kaufen wollte. Auf den Hinweis, dass es doch hier in der Stadt eine Ausgabestelle für Möbel an Flüchtlinge gäbe, reagierte er unwirsch, er will keine gebrauchten Möbel, sie solle ihn jetzt fahren. Dies war der Helferin denn doch zu viel, sie lehnte es ab.

• In den beruflichen Schulen meinten einige Lehrerinnen und Lehrer, dass die Helfer durch ihre dauernde Fürsorge und distanzlosen Umgang mit den Flüchtlingen diese in einer unangemessenen Anspruchshaltung bestärkt und Unselbstständigkeit gehalten haben. Die Helfer selbst bezeichnen die Flüchtlinge als „ihre Kinder“, obwohl dies meistens erwachsene Männer sowie Familienväter und Mütter waren. Für das Lernen in der Schule und das spätere Berufsleben stellt dies ein Hindernis und eine Belastung dar, denn eine Änderung von hier eingeschliffenen bequemen Gewohnheiten fällt schwer.

So stellte sich beispielsweise für einen Flüchtling die Frage, wer dafür sorgt, dass er Arbeit bekommt. Oder was soll man tun, wenn man keine Wohnung in der Stadt findet, die man für angemessen findet und die man auch bezahlen kann? Der Rat, eine Wohnung auf dem Land zu suchen oder die Ehefrau mitverdienen zu lassen, wurde ungläubig abgelehnt.

• Da mir keine professionellen Übersetzer zur Verfügung standen bzw. auch keine ehrenamtlichen vermittelt wurden, übersetzten Flüchtlinge die Folientexte auf arabisch und dolmetschten den Vortrag. Dies war nicht unproblematisch, da eine korrekte Übersetzung so nicht gewährleistet werden konnte. Ein Beispiel, welches zu berechtigtem Unmut bei den arabischen sprechenden Flüchtlingen führte: Auf einer Folie zeigte ich, dass der Angriff von Hooligans auf Polizisten eine verbotene Gewalt darstellt, die bestraft wird, auf einer weiteren Folie, dass dies ebenso für Salafisen gilt. Ein Flüchtling übersetzte „Salafisten“ auf arabisch mit „Muslime“, wie ich später von anderen erfuhr. Dies erregte natürlich zu Recht die muslimischen Flüchtlinge.

• Manche Fragen zur deutschen Geschichte waren nicht einfach zu beantworten. Einer meinte z.B. Hitler war ein großer Mann, von dem er viel halte, was halte ich von Hitler? Eine andere Frage war, wieso wurden die Deutschen nach dem 2. Weltkrieg vertrieben?

• Erstaunlich war die Bereitwilligkeit von manchem Bedienpersonal, sich über Vorschriften hinwegzusetzen. Wir luden den übersetzenden Syrer, seine Frau und kleine Tochter zu einem Besuch einer mittelalterlichen Burg ein. Als ich bezahlen wollte, bemerkte die Kassiererin, dass wir für die Flüchtlingsfamilie Eintritt zahlen wollten. Daraufhin reduzierte sie das Eintrittsgeld auf Schülertarif. Oder vor einer Toilettenstation beobachteten wir, wie das Bedienpersonal es Flüchtlingen zu einem kostenlosen Besuch der Toilette verhalf.

• Als ich das Thema Schwarzarbeit anschnitt, hatte ich den Eindruck, dass diese den Flüchtlingen nicht unbekannt war. Einer fragte ganz unschuldig, ob denn die Hilfe bei Umzügen von Freunden Schwarzarbeit und damit strafbar sei. Ich hatte nämlich auch die negativen Folgen und Strafen für Schwarzarbeit vorgestellt.

• Auffällig ist ein Ergebnis einer Umfrage und den Antworten von Flüchtlingen zu Fragen, wie sie einschätzen, was die Deutschen meinen: ob sie Flüchtlingen ablehnen, ob sie Angst vor Flüchtlingen haben oder ob sie wollen, dass die Flüchtlinge so bald wie möglich wieder in ihre Heimatländer zurückgehen. Etwa die Hälfte der befragten Flüchtlinge gab an, nicht zu wissen, was die deutsche Bevölkerung dazu meint. Dies deutet darauf hin, dass den Flüchtlingen wohl bewusst ist, dass die Helfer nicht die gesamte Bevölkerung repräsentieren und dass es vielleicht noch andere Meinungen gibt. Es deutet auch darauf hin, dass ein Kontakt zu allgemeinen Bevölkerung fehlt, etwa in Vereinen. Daher kommen auch manche falsche Vorstellungen, etwa dass jede deutsche Familie ein Auto hat, oder dass es im deutschen Wald gefährliche Tiere wie Tiger gibt.

• Der Unterschied der Rechtsvorstellungen in den Heimatländern der Flüchtlinge und in Deutschland offenbart sich beispielsweise darin, dass Flüchtlinge es nicht fassen können, dass in Deutschland bei einer Scheidung, wenn keine Einigung über den Verbleib gemeinsamer Kinder erreicht wird, oder bei Gewalt in der Familie von Gerichts wegen das Jugendamt eingreift und für das Kind zuständig ist. Es wurden Scherze darüber gemacht, dass der Staat „Papa spielt“. Die allgemeine Meinung war, über die Familie bestimmt nur die Familie selbst bzw. der Hausherr.

• Die Informationen über Deutschland in meinen Präsentationen waren für die Flüchtlinge gedacht, die dieses Land bisher kaum kannten. Es stellte sich heraus, dass auch viele Helfer und Lehrer vieles nicht wussten, vor allem über Deutschland nach dem Krieg und die Vertreibung.