Helferkreis 4

Die Präsentationen, die dieser Helferkreis organisierte, kamen dadurch zustande, dass einer der Helfer mich von früheren Präsentationen für eine Bürgerinitiative kannte und durch einen Artikel in der hiesigen Zeitung von meinem Engagement für die Flüchtlinge in Form der Präsentationen erfuhr. Nach der ersten Kontaktaufnahme sagte er sofort zu, alle vier Präsentationen vorführen zu lassen. Er meinte, er hätte auch schon so eine Idee gehabt, nach einem kurzen Versuch aber aufgegeben, weil er merkte, dass für ihn der Aufwand zu hoch war.

Zur ersten Präsentation erschienen zunächst ca. 6 Helfer und dann mit Verspätungen bis zu einer halben Stunde etwa 7 Flüchtlinge (abgesehen von dem Übersetzer aus einem anderen Helferkreis, welcher die arabischen Texte dann vorlas und ergänzte). Die Helfer berichteten uns später, dass sie einigen sanften Druck ausüben mussten und die Flüchtlinge per Auto selbst bei 500 m Entfernung zwischen deren Wohnung und dem Vortragssaal abholten. Dies kam auch bei anderen Helferkreisen vor. Die Präsentation wurde wie alle weiteren begeistert aufgenommen und kommentiert. Dies war vor allem auch ein Verdienst des Flüchtlings, der die Texte auf arabisch übersetzt hatte und vorlas. Er erläuterte die Texte zusätzlich und übertrug sie in die Vorstellungswelt der Flüchtlinge.

Eine Helferin schlug vor anzugeben, dass man auch Pilze und Beeren im Wald sammeln und anschließend verzehren kann. Dies lehnte ich jedoch ab, da dann die Gefahr bestand, dass giftige Pilze gegessen werden und eine umfassende Vorstellung der Pilzsorten, die eine sichere Unterscheidung sicherstellen würde, den Rahmen der Präsentation sprengen würde und ohne Praxis im Wald nicht sinnvoll wäre. Abgesehen davon besitze ich nicht die nötige Erfahrung und das entsprechende Fachwissen. Eine andere Helferin bemängelte wie bereits eine aus dem ersten Helferkreis, dass Menschen, die nicht in einer Amtskirche sind, trotzdem gläubig sein können. Allerdings gilt dies auch umgekehrt, Gläubige sind nicht immer in der Amtskirche.

Nach dem ersten Vortrag bemerkte meine Frau: Wo bleiben denn die Frauen unter den Flüchtlingen?" Dies war den Helfern etwas peinlich, darum sorgten sie dafür, dass zum nächsten Vortrag zwei Frauen und drei Mädchen kamen, die allerdings bei den nächsten Präsentationen wieder fehlten.

Zur dritten Präsentation konnte der syrische Flüchtling, der die Übersetzungen ins arabische vornahm, nicht kommen. Ein anderer Flüchtling übernahm daher das Übersetzen und Vorlesen, weil dieser Teil zum damaligen Zeitpunkt nicht auf arabisch sondern nur in deutsch und englisch vorlag. Leider konnte dieser Flüchtling nicht besonders gut deutsch oder englisch, was selbst wir an der Übersetzung bemerkten. An manchen Stellen übersetzte er anscheinend frei und erzählte minutenlang, obwohl der deutsche Text sehr kurz war. Ich habe keine Ahnung, was er aus der deutschen Vorlage gemacht hat. Andere Folientexte wurden sehr kurz übersetzt, an einer Stelle überhaupt nicht. Ich zitierte da den amerikanischen Komiker John Doyle, der vom Nacktsein in der Sauna in Deutschland fasziniert war. Er meinte, in Deutschland kann Nacktsein mit Sex zu tun haben, muss es aber nicht. Als wir den übersetzenden Flüchtling auf sein Auslassen dieses Textes ansprachen, wurde er ganz verlegen und schwieg dazu. Dieses Zitat stand im Zusammenhang mit verschiedenen Äußerungen von Korrespondenten, Literaten und Komikern aus anderen Ländern, denen verschiedene Eigenschaften der Deutschen bzw. in Deutschland aufgefallen sind.

Insgesamt wurden die Präsentationen sehr positiv aufgenommen. Einer der Helfer meinte am Schluss, er hätte vorher befürchtet, in den Vorträgen würde auf die Flüchtlinge "eingedroschen", dies sei aber ganz und gar nicht der Fall gewesen. Wie unterschiedliche die Flüchtlinge zu den Präsentationen standen, beleuchtet folgende Episode. Als vor Beginn eines Vortrages festgestellt wurde, dass ein bestimmter Flüchtling fehlt, weil er um diese Zeit auf einer Feier weilte, meinte ein anderer Flüchtling dazu: "Heute ist Vortrag, feiern kann er auch morgen noch".

Ein anderes Beispiel zeigt, dass nur eine konsequente Haltung der Helfer und Behörden zu einer Änderung von Fehlverhalten bei den Flüchtlingen führt. Ein Flüchtling kündigte an, er wolle Verwandte in den Niederlanden besuchen. Die Leiterin des Helferkreises, welche nebenbei gesagt täglich mehr als 8 Stunden für die Flüchtlinge aufwendet, machte ihm eindringlich klar, dass dies nicht gehe, er wollte nämlich auch seine schulpflichtige Tochter mitnehmen. Als der Flüchtling mit seiner Tochter trotzdem in die Niederlande fuhr, informierte die Helferin die Schulleiterin, dass die Tochter aus besagtem Grunde nicht in die Schule kommen werde. Diese rief die Polizei an, welche daraufhin die Familie des Flüchtlings aufsuchte. Die Familie bekam einen Heidenschrecken, weil auch von einer möglichen Ausweisung die Rede war. Der Flüchtling wurde in den Niederlanden angerufen und kam am gleichen Tag mit der Tochter zurück. Er besuchte dann am Abend sogar meine Präsentation.

Wie sehr die Vorstellungen über Familie und gesellschaftliche Verpflichtungen auseinander-liegen können, zeigt ein anderer Vorfall in diesem Helferkreis. Ein Junge von etwa 14 Jahren wurde von seiner syrischen Familie nach Deutschland vorgeschickt, um in Deutschland Fuß zu fassen. Der Vater erwartete nämlich, dass der Junge möglichst rasch die Familie nachhole. Er rief den Jungen immer öfter an und setzte ihn so unter Druck, dass der Junge ganz unglücklich wurde und weinte. Daraufhin forderte der Vater den Jungen auf, wieder nach Syrien zu kommen. Doch unbegleitete jugendliche Flüchtlinge unterstehen in Deutschland dem Jugendamt, und das erlaubte die Rückreise zunächst nicht. Weil der Junge aber so unglücklich war, dufte er dann ausnahmsweise zusammen mit seinem Onkel in das gefährliche Syrien ausreisen.

Nach allen vier Präsentationen lud uns der Helferkreis zusammen mit den beiden Übersetzern zum Dank zu einem Essen ein. Die Leiterin dieses Helferkreises, eine pensionierte Lehrerin, engagierte sich anschließend sehr für die Verbreitung der Präsentationen, dass sie zu mehreren Schulen den Kontakt herstellte und eine Empfehlung abgab. Daraus ergaben sich weitere Vortragsreihen.