FAZIT

Für ein Zustandekommen der Vorträge vor Flüchtlingen war die Einstellung der Helfergruppen oder der Schulleitung bzw. kontaktierten Lehrern entscheidend. Während einzelne Helfer und Leiter noch ansprechbar und von den Präsentationen angetan waren, lehnten oft die Helfergruppen oder eine Verwaltung diese ab, ohne dass sie mich kannten oder ich mit ihnen sprechen konnte und sie sich über die Präsentationen informierten. Die beiden „Probepräsentationen“, welche ich halten durfte, waren beide erfolgreich. Wenn die Helfer Vorbehalte oder Befürchtungen hatten, so äußerten sie diese nicht. Nur in einem Fall meinte ein Helfer hinterher, er hätte befürchtet, ich könnte die Flüchtlinge in meinen Vorträgen „runtermachen“. Es gab keinerlei inhaltliche Kritik oder Beanstandungen, der Stoff könnte falsch ausgewählt oder falsch dargestellt worden sein. Eine Ausnahme war die Bitte eines Helfers, eine Karikatur, die zeigen sollte, was an künstlerischer Freiheit und Kritik auszuhalten sei, und die extrem herabwürdigend für gläubige Christen war, auszutauschen, was ich auch tat.

Die Organisation und Vorbereitung der Präsentationen vor Ort reichte von völlig mangelhaft bis sehr gut, wobei in der Regel Beamer und Leinwand vorhanden waren und die Räumlichkeiten gut ausgewählt wurden. Der größte Aufwand für die Helfer lag in der Überzeugungsarbeit bei den Flüchtlingen, an den Präsentationen teilzunehmen, sowie dem „Taxidienst“, um die Flüchtlinge auch bei geringeren Entfernungen von wenigen 100 Metern zum Vortragsort von ihren Unterkünften abzuholen. Die Bereitschaft der Flüchtlinge, sich Informationen über das Gastland Deutschland auch nur anzuhören, war nicht immer ausgeprägt. Nach dem ersten Vortrag zeigten einige ein großes Interesse an den weiteren Präsentationen, in einem Fall jedoch auch Ablehnung.

Auffällig war das Fehlen der Frauen, was mit dem Versorgen der Kinder zu Hause begründet wurde. Als wir nach einer Präsentation fragten, wo bleiben denn die Frauen, kamen zur nächsten Veranstaltung einige Frauen und Mädchen. Sie saßen im Gegensatz zu den männlichen Zuhörern stumm in der letzten Reihe und kamen zu den nächsten Vorträgen nicht wieder. Auch das Angebot, für Frauen einen eigenen Termin anzuberaumen, an dem die Männer die Kinder beaufsichtigen, kam nicht zum Tragen. Das Thema Frauenrechte und Emanzipation ist eines der schwierigsten. Hier kommt eine jahrhundertealte Tradition mit religiösen Vorschriften zusammen, was sicher nicht so schnell abzulegen ist. Doch gerade weil das Beharrungsvermögen in archaischen Regeln so groß ist, müsste früh und intensiv damit angefangen werden, den Flüchtlingen klar zu machen, dass in Deutschland auch für sie unsere freiheitlichen Gesetze gelten, und weder der Koran, die Bibel noch andere religiöse oder weltanschauliche Werke über dem Grundgesetz stehen. Es ist m.E. völlig falsch, wenn wie erlebt gesagt wird, die Flüchtlinge sind noch jung und erst zwei Jahre in Deutschland, da sei es hart, ihnen unser Grundgesetz anhand praktischer Beispiele zu verdeutlichen. Zu diesem Zeitpunkt hätten sie schon längst intensiv über die Grundwerte aufgeklärt und nachhaltig deren Einhaltung eingefordert werden sollen.

Es sollte allen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen und hier leben wollen, von Anfang an unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass die Toleranz und die Freiheit, wie sie das Grundgesetz vorgibt, für alle Menschen in Deutschland gilt, und diese nicht verhandelbar sind. Es gibt keinen „Migrantenbonus“ für ein Grundgesetz „light“, keine Toleranz gegenüber intolerantem Verhalten, Homophobie, religiösem Fundamentalismus oder Misogynie. Auch ein falscher Ehrbegriff, der zu schrecklichen Taten verleiten kann, muss überwunden werden. Wir leben in einem Rechtsstaat, der seine Gesetze ernst nehmen und durchsetzen sollte. Dies kann jedoch nur dann erfolgreich praktiziert werden, wenn auch den Flüchtlingen diese Gesetze in ihrer alltäglichen Anwendung vor Augen geführt werden.

Aufsatz eines Flüchtlings Die Zuhörerschaft unter den Flüchtlingen haben wir als sehr verschieden empfunden: während einige aufmerksam zuhörten und sich auch Stichworte aufschrieben (dies war vor allem bei den Schülern der Fall), ließen andere den Vortrag mehr oder weniger teilnahmslos über sich ergehen. Es gab sehr aufgeweckte Flüchtlinge, die sich auch bemühten, möglichst rasch deutsch zu lernen, während andere nach der gleichen Zeitdauer kaum ein Wort verstanden. Das Interesse an Deutschland bezog sich naheliegender Weise vor allem auf das Bildungs- und Ausbildungswesen sowie auf die Berufswelt mit den damit verbundenem Abgabensystem.

Als in der Nacharbeitung eine Lehrerin die Schüler aufforderte niederzuschreiben, was ihnen noch über den deutschen Wald aus meinem Vortrag im Gedächtnis geblieben ist, ergaben sich interessante Ergebnisse (siehe Abbildung mit einem Textbeispiel). Bei vielen blieb durchaus einiges hängen, wie man an dem abgebildeten Beispiel eines Schülers sehen kann. Es ist also durchaus sinnvoll, diese Informationen den Flüchtlingen anzubieten, auch wenn nicht alles perfekt aufgenommen werden kann.

Die PowerPoint-Präsentationen sind gedacht, den mit Deutschland noch nicht vertrauten Flüchtlingen einen Überblick über das Land, seine Natur, neuere Geschichte, Grundrechte sowie Ausbildungs- und Bildungsmöglichkeiten zu verschaffen. Nachdem sie gewissermaßen wie Kinder von den Helfern an die Hand genommen und mit ihnen neben Grundkenntnissen in Deutsch sowie solche Fähigkeiten wie Einkaufen im Supermarkt, Behördengänge oder Schulangelegenheiten praktisch geübt wurden, sollte ein breiteres Wissen über das Land, in dem sie angekommen sind, vermittelt werden. Es gehört m.E. zur Bringschuld der Flüchtlinge, sich über das Land, seine Geschichte und Kultur zu informieren und zumindest die Werte des Grundgesetzes zu kennen und dies im Alltag auch zu verwirklichen. Sie sind für eine Integration mindestens genauso wichtig wie eine Wohnung und Arbeit. Und es obliegt der Verantwortung der Helfer, die Flüchtlinge zu einer Teilnahme zu bewegen. Denn die Präsentationen können als ein Einstieg in den Orientierungskurs angesehen werden und es sind bewusst keine trockenen Vorträge mit abstrakten Grafiken, sondern ich habe versucht, sie so zu gestalten, dass prägnante Bilder mit kurzen Texten und einem dynamischen Aufbau die Präsentation prägen.

Für viele Flüchtlinge muslimischen Glaubens ist es beispielsweise schwer zu akzeptieren, dass andere Menschen über den Koran oder den Propheten Witze machen oder Karikaturen anfertigen und diese öffentlich verbreiten dürfen. Daher ist das Ziel eine „mentale Integration“ der Flüchtlinge, die in unsere Wertegemeinschaft eintreten sollen und sie auch verinnerlichen sollten. Denn physisch in Deutschland ankommen heißt noch lange nicht, sich auch innerlich auf das neue Land eingestellt zu haben. Dieser Teil der Integration ist sicher ein hartes Stück Arbeit, sowohl für Deutsche, aber noch viel mehr für Flüchtlinge. Ich habe fast den Eindruck, dass manche der mit den Flüchtlingen und der Flüchtlingspolitik Befassten davor die Augen verschließen und meinen, das rüttelt sich schon zurecht. Wenn wir keine Anstalten machen, diesen Teil der Integration auch nur zu versuchen, werden viele Flüchtlinge kaum ihre gewohnte Welt mit den anderen Regeln und Wertevorstellungen verlassen. Es reicht ganz gewiss nicht aus, den Flüchtlingen das Grundgesetz in ihrer Landessprache zu überreichen. Und ich bezweifle, dass ein Vortrag, der zwar in korrekten Fachbegriffen die Gesetzestexte vorstellt und den Parlamentarismus schematisch am Zusammenwirken von Parteien, Regierung, Bundesrat, u.a. darstellt, unser Grundgesetz verstehen lässt. Er lässt die konkreten Anforderungen an sowie die Auswirkungen auf das Leben der Flüchtlinge außen vor und zeigt kaum eine Wirkung auf das Verhalten der Flüchtlinge im Alltag.

Ähnlich wie der freiwillige Sprachunterricht eine Vorbereitung auf den Sprachkurs im Integrationskurs ist, sind meine Präsentationen als Vorbereitung auf den 60stündigen Orientierungskurs zu betrachten, der die Inhalte weiter vertieft. Daher bin ich fassungslos darüber, dass ein Teil der Flüchtlinge keine Information über Deutschland präsentiert bekommen will. Ich kann auch nicht verstehen, wieso manche Helfer den Flüchtlingen nicht vermitteln konnten, dass sie sich über das Land informieren sollten, das sie derart willkommen heißt und in jeder Beziehung unterstützt. Die Ablehnung der Flüchtlinge, sich die Präsentationen auch nur anzuhören, gibt anscheinend jenen recht, die sagen: Die wollen überhaupt nicht unser Grundgesetz respektieren und unsere Regeln beachten sondern nur die Vorteile wahrnehmen, die Deutschland ihnen bietet. Und die Weigerung der Helfer und Lehrer, die Flüchtlinge in die Pflicht zu nehmen, wirkt teilweise so, als ob unsere Werte es nicht verdienen, sie zu verteidigen und für sie einzustehen, als sei es eine Zumutung, ihre volle Einhaltung von den Flüchtlingen zu verlangen.

Es wäre aus meiner Sicht sehr wünschenswert, wenn Helfer ihre ablehnende Haltung noch einmal überdenken könnten, und beachten, dass die Integration nicht einseitig auf die deutsche Unterstützung beschränkt sein darf und eine Verweigerung der Flüchtlinge nicht gerade als ein Beitrag von deren Seite zur Integration angesehen werden kann. Dies sollte keineswegs als eine Anklage an die Flüchtlinge verstanden werden. Sie kommen aus Ländern, in denen teilweise archaische Bräuche Tradition sind, in denen korrupte und unfähige Eliten herrschen, in denen sie nicht dem Staat oder der Anwendung von Gesetzen vertrauen können. Diese Sozialisation zu überwinden, erfordert viel Kraft und Anstrengung. Es liegt an uns, d.h. an den Helfern, der Verwaltung, den Schulen und Betrieben sowie der gesamten Bevölkerung, auf die Flüchtlinge einzuwirken, die Regeln des Grundgesetzes in ihren Anwendungen im täglichen Leben kennenzulernen und zumindest zu respektieren und einzuhalten. Man muss den Flüchtlingen immer wieder auch im Alltag klarmachen, was in Deutschland geht und was nicht toleriert werden kann.

Wenn jedoch bereits der Besuch einer anderthalbstündigen Präsentation als Zumutung für die Flüchtlinge empfunden oder gar als „politisch unkorrekt“ oder "nationalistisch" betrachtet wird, weil Deutschland und seine Werte behandelt werden, dann steht zu befürchten, dass die mentale Integration ähnlich fehlerhaft verläuft wie bei den Migrationen früherer Zeiten. Ein Beispiel, von dem heute niemand mehr etwas wissen will, war die Ablehnung der Forderung, die deutsche Sprache zu lernen, es wurde als „Zwangsgermanisierung“ diffamiert. Es muss ein gewisser gesellschaftlicher Druck auf Migranten ausgeübt werden, sich den Gesetzen und Regeln des Aufnahmelandes anzupassen. Niemand legt gerne vertraute Denkweisen und Werte ab, die bisher in seinem Leben gültig waren, die ihm Sicherheit und Geborgenheit gaben.

Zum Abschluss ein persönliches Wort, welches ich den Flüchtlingen nach den vier Präsentation als meinen Wunsch für die gemeinsam Zukunft in Deutschland vortrage:

Ein persönliches Wort

an die Flüchtlinge nach den Präsentationen "Informationen zu Deutschland"

Vielen Dank dafür, dass ich Ihnen, den nach Deutschland Geflüchteten, das Land ein wenig vorstellen konnte. Sie sind aufgenommen worden von einem reichen und freiheitlichen Land, das die Helfer und wir, meine Frau und ich, mit aufgebaut haben und das wir über Steuern finanzieren.

Wir sind nach dem Krieg geboren und haben ...
• ... keine Vertreibung und Hungersnot erlebt
• ... vom Aufbau Deutschlands und dem zunehmenden Reichtum profitiert
• ... eine immer freiere Gesellschaft mit mehr Rechten für Frauen und Minderheiten
• ... in Sicherheit und Frieden gelebt
• ... keinen Krieg oder eine große Katastrophe erlebt

Ich möchte die Freiheit und Toleranz in Deutschland erhalten. In einem Interview sagte ein Syrer: „Es kann doch nicht sein, dass ich mein Leben lang in Syrien nach Regeln gelebt habe, die jetzt hier falsch sein sollen!“. Nein, die Regeln in Syrien sind nicht falsch, nur die Regeln und Werte in Deutschland sind anders. Sie gelten hier, und ich möchte, dass diese von meinen Vorfahren erkämpften Freiheiten und Werte für alle in Deutschland Lebenden erhalten bleiben.

Deshalb möchte ich, dass die Jungen und Mädchen der Flüchtlinge gemeinsam spielen, schwimmen gehen, lernen, Feste feiern, dass die Kinder später, wenn sie dies möchten, einen Deutschen heiraten können, auch wenn er kein Muslim ist, dass sie ohne Repressalien die Gemeinschaft der Muslime, die Umma, verlassen und sich einer anderen Religionsgemeinschaft anschließen können oder Atheisten werden, sofern sie dies wollen.

Ich möchte, dass Sie, die Flüchtlinge, diese Toleranz und Freiheit, von der Sie in Deutschland profitieren, auch selbst leben, dass die Männer ihre Frauen nicht bevormunden sondern gleichberechtigt behandeln, dass alle ihre Meinung sagen können, auch wenn sie Kritik an der Religion enthält, dass Sie ihre Kinder zur gleichen Freiheit erziehen wie Deutsche dies tun, und ich wünsche Ihnen, dass Sie Arbeit, Unterkunft und gute Nachbarn finden, um in Deutschland friedlich als gleichberechtigte Bürger zu leben.