ABSAGEN

Zusagen, vertrösten, ignorieren, ablehnen

Den ersten Kontakt zu einem Helferkreis stellte ich durch einen Anruf bei dem Vorsitzenden des Helferkreises vor Ort her (die Telefonnummer hatte ich aus einer Anzeige in der Zeitung). Dies führte dazu, dass ich zweimal zum Treffen des Helferkreises eingeladen wurde, und ich mich einmal auf Anregung des Vorsitzenden mit ihm in einen Café traf. Außerdem verschickte ich E-Mails und telefonierte mit dem Vorsitzenden. Zu einem Präsentationstermin kam es aber (bisher) nicht, ich wurde immer wieder vertröstet, zum Schluss kam keine Antwort mehr.

Am 22. September 2016 rief ich das Integrationsbüro der benachbarten Stadt an und schickte ihm die Beschreibung des Vortragsangebotes für Flüchtlinge. Dazu fragte ich an, ob ich von einem der ehrenamtlichen Übersetzer die Texte der Teile 3 und 4 der Präsentationen in Arabisch übersetzt bekomme. Auch Teil 1 und 2 sollten überprüft werden, der syrische Flüchtling, der diese Teile freundlicherweise übersetzt hatte, war kein professioneller Übersetzer. Als Antwort wurde mir mitgeteilt, dass kein ehrenamtlicher Dolmetscher vom Amt die Präsentationstexte für mich übersetzen wird, weil ich nicht aus der hiesigen Stadt komme, ich solle mich an den Landkreis wenden. Außerdem kann mir auch kein Helferkreis vermittelt und keine Veranstaltung organisiert werden. Die Begründung war: Dies geht bei mir als Privatperson nicht, sondern nur über einen Verein/Beratungsstelle.

Ein Schreiben an das Landratsamt vom 27. Mai 2016 wurde dahingehend beantwortet, dass aus datenrechtlichen Gründen keine Kontaktdaten der ehrenamtlichen Helfer weitegegeben werden können, mein Schreiben aber an den zuständigen Fachbereich „Koordination Ehrenamt“ weitergeleitet wird. Dann geschah eine Weile nichts. Am 24. September schrieb ich direkt an die Leiterin des Fachbereichs, woraufhin mich dann die Ehrenamtskoordinatorin "Asylbewerberleistungen und -betreuung" am 20 Oktober zu einer kurzen Vorstellung der Präsentationen einlud. Zusammen mit meiner Frau führte ich dann im Landratsamt einige Ausschnitte aus den Präsentationen vor, welche einen guten Eindruck hinterließen. Die Ehrenamtskoordinatorin informierte daraufhin eine Reihe von Helferkreisen, was jedoch letztlich nur bei zwei Helferkreisen zu einer Kontaktaufnahme führte.

Eine etwas merkwürdige Anfrage von einem Flüchtlingsbetreuer ergab sich durch die Empfehlung einer Helferin. Es stellte sich heraus, dass der Betreuer die Präsentation für zwei Syrer vorgesehen hatte, welche sich im Kirchenasyl befanden. Die Vorträge sollten "nicht öffentlich im kleinen Kreis" und "als Abwechslung für ihren [der beiden Flüchtlinge] grauen Alltag" fungieren. Es war das einzige Mal, dass ich eine Präsentation ablehnte, denn sie ist zur Information von Flüchtlingen gedacht, jedoch nicht zur Unterhaltung und Abwechslung im grauen Alltag der Flüchtlinge, und ich halte meine Vorträge öffentlich.

Der Versuch, im Rahmen einer Veranstaltung durch die VHS vor Ort die Präsentationen anzubieten, scheiterte an der Bereitschaft des hiesigen Helferkreises, der sich aus welchen Gründen auch immer zu keiner Zusage durchringen konnte. Eine Anfrage an einen VHS-Organisator der Stadt, welcher arabische Wurzeln hat, blieb ohne Antwort.

Eine Helferin aus einem anderen Helferkreis zeigte zunächst Interesse, meldete sich dann jedoch zwei Monate lang nicht mehr. Als ich nachfragte, hieß es, aus Zeitgründen seien einige ehrenamtliche Helfer abgesprungen und sie mussten umstrukturieren. Das Thema sollte beim nächsten Helfertreffen besprochen und ich dann informiert werden. Es geschah wieder nichts und ich hielt inzwischen Vorträge vor anderen Helferkreisen. Als ich nach einem halben Jahr (!) nachfragte, wobei ich den inzwischen veröffentlichten positiven Zeitungsartikel über eine Präsentation beifügte, wurde mir dafür gedankt, dass ich „so geduldig nachfrage“. Die „Strukturen hätten sich total verändert, man habe als Helfer sehr viel zu tun mit dem ganz normalen Lebensalltag der Menschen.“ Es leuchtet mir nicht ein, dass anderthalb Stunden Vortrag in ein oder zwei Wochen zu viel für die Helfer sein sollten. Eine weitere, für mich nicht nachvollziehbare Begründung lautete: Die Helferin „glaubt, eine Präsentation in dieser Art ist für die Leute gerade zweit- oder drittrangig.“ In welcher Art wäre die Präsentation erstrangig?

Ein anderer Helferkreis antwortete zunächst ebenfalls nicht weiter, obwohl die angeschriebene Helferin von einem „schönen Angebot“ sprach. Als ich nach einem Jahr (!) den Helferkreis wieder anfragte, bekam ich ein Bündel von Argumenten für eine Absage: "Man habe sich für das Angebot des Justizministeriums entschieden, die Flüchtlinge hätten die Informationen schon erhalten, die Durchführung [meiner Präsentationen] sei schwierig, die Übersetzung durch deutsch sprechende Flüchtlinge sei nicht so einfach, weil es auch um politische Fachbegriffe geht, da waren letztes Jahr die hauptberuflichen Übersetzer sehr wichtig." Naja, abgesehen davon, dass man mir dies bereits vor einem Jahr hätte mitteilen können, umfassen meine Präsentationen wesentlich mehr Informationen über Deutschland als in den Rechtsstaatsklassen behandelt wird. Ich bezweifle, dass ein „politischer Fachbegriff“, der aus unserer politischen Kultur stammt, das Verständnis bei den Flüchtlingen fördert bzw. so wichtig ist. Vielmehr sind eine Vermittlung der Inhalte unseres Grundgesetzes und vor allem der Auswirkungen der Gesetze auf unseren Alltag notwendig, dies versuche ich anhand von anschaulichen Beispielen aus der Praxis zu verdeutlichen, etwa anhand des Heiratsverbotes, so wie es der Koran vorschreibt: Musliminnen dürfen keine Christen, Juden oder Atheisten heiraten.

Ein weiterer Helferkreis verzichtete ganz auf eine Begründung der Ablehnung und schrieb nur lapidar, dass er „hier momentan kein Interesse daran hat“. Unter dem Namen des Leiters des Helferkreises stand in der E-Mail noch: "[Name der Stadt] ist BUNT (!)". Dies sollte wohl die Weltoffenheit und Toleranz dieser Stadt hervorheben, die allerdings eine Offenheit gegenüber Informationen und Sichtweisen von außen vermissen lässt, aus welchen Gründen auch immer.

Im Nachgang bot ich im August 2017 der Ehrenamtskoordinatorin einer Schule in einer Großstadt die Vorträge an. An dieser Schule gibt es ein zweijährigen Programm zum Spracherwerb für Asylbewerber sowie Klassen mit Migrantinnen und Migranten, welchen die Chance auf einen Hauptschulabschluss mit zusätzlichem Förderunterricht in Deutsch geboten wird. Nach einigem hin und her konnte ich eine "Probepräsentation" vor vier interessierten Lehrerinnen halten.

Obwohl die anwesenden Lehrerinnen Interesse zeigten und mit dem Inhalt der Präsentationen einverstanden waren, kam es zu keiner Veranstaltung vor Flüchtlingen. Auf meine mehrmalige Nachfrage antwortete mir im Dezember 2017 die zuständige Studiendirektorin, dass sie bereits genug Instrumente haben, mit denen sie schon lange erfolgreich arbeiten. Die Studiendirektorin lehnte nach anfänglicher Zustimmung die Präsentationen ab, ohne sie zu kennen und dass sie mich persönlich getroffen hätte. Ihre Gründe dazu sind (vereinfacht): Wir machen genug, wir machen es umfangreich und besser, wir haben für die Präsentationen keine Zeit. Dies hätten sie mir auch gleich mitteilen können, immerhin habe ich extra für ihre Schule einen Zusammenschnitt erstellt, da die Vorführung nur gut eine Stunde dauern sollte. Diesen Aufwand hätte ich mir sparen können, und ihre Kolleginnen die Zeit zum Zuhören.

Diese Verschlossenheit ist bemerkenswert, pflegt doch die Schule eigenen Aussagen nach einen regen Austausch mit außerschulischen Partnern, der für kontinuierliche Impulse sorgt. Als Leitmotiv gilt „Unsere Schule ist mehr als ein Unterrichtsort, sie ist für alle Beteiligten auch ein Stück gemeinsames Leben.“

Zusammenfassung

Mehr als die Hälfte der Anfragen führte zu keiner Zusage, eine kostenlose Präsentation für die Flüchtlinge zu organisieren. Die Ablehnungsrate ist wahrscheinlich noch höher, da mir die Anschreiben des Landratsamtes an die Helferkreise nicht bekannt sind. Auffällig ist, dass Absagen fast immer erst nach ein- oder mehrmaligen Nachfragen erfolgten. Dies erweckt bei mir den Eindruck, man möchte die Vorträge nicht haben, scheut sich aber davor, dies deutlich mitzuteilen. In keinem Fall wurde eine Präsentation vor der Absage angeschaut, es reichte anscheinend aus, die Themen zu erfahren, die behandelt werden. Es gab keinerlei Nachfragen nach dem Inhalt und keine Probevorträge bei den Absagen. Daher konnten nur Vermutungen, oder, wenn man so will, Unterstellungen als Gründe der Absagen genannt werden. Vielmehr spürt man mehr oder weniger deutlich eine Haltung, den Flüchtlingen diese Aufklärung und damit Aufforderung, sich mit Deutschland, seinen Regeln und Gesetzen auseinanderzusetzen, nicht zumuten zu können bzw. nicht zu wollen.

Umgekehrt musste öfter eine „Motivation“ der Flüchtlinge von den Helfer durch sanften Zwang erreicht werden, damit die Flüchtlinge zum Besuch der Präsentationen bereit waren. Deshalb war die Haltung der Helfer zu den Vorträgen sehr wichtig, sie übertrug sich auf die Flüchtlinge.